 |
04-August-2001
original location not available anymore |
by a.k.
Spanische Revolution 1936
Wir sind es ...,
die all diese Paläste und Städte gebaut haben,
in Spanien, in Amerika und überall auf der Welt.
Wir, die Arbeiter, können neue an ihre Stelle
setzen. Neue und bessere.
Wir fürchten die Trümmer nicht. Die Erde
wird unser Erbe sein,
daran gibt es nicht den geringsten Zweifel.
Soll die Bourgeoisie ihre Welt in Stücke sprengen,
bevor sie von der Bühne der Geschichte abtritt.
Wir tragen eine neue Welt in uns,
und diese Welt wächst mit jedem Augenblick heran.
Sie wächst während ich mit Ihnen rede.
Buenaventura Durruti (1)
Der spanische Bürgerkrieg 1936-1939, ein graues Kapitel
der Geschichte. Kaum einer der Nach-68er-Generation, der von diesem Krieg
überhaupt weiß, oder mehr als zwei (mehr oder weniger zutreffende)
Schlagworte damit verbinden kann. Eventuell weiß man, daß berühmte
Schriftsteller wie etwa Ernest Hemmingway oder George Orwell als Kriegsfreiwillige
am Spanischen Bürgerkrieg teilnahmen. Wofür die Menschen aber
damals in Spanien gekämpft haben weiß man nicht. Und diese Geschichte
wird kaum erzählt.
Denn über den Spanischen Bürgerkrieg läßt
sich nicht reden, ohne die konstruktiven Elemente und die praktische Bewährung
einer sowohl dem Kapitalismus als auch dem Staatssozialismus sowjetischer
Prägung konträren Gesellschaftsform zu erwähnen, einer Gesellschaftsform,
die selbst unter Kriegsbedingungen zeigen konnte, daß sie wesentlich
produktiver und vor allem menschlicher als die Herrschaft des Kapitals
oder der Bürokratie ist: der Anarchismus.
Dort wo über den Spanischen Bürgerkrieg geschrieben
werden muß, in den Standardkonversationslexika und im Standardwerk der
bürgerlichen Geschichtsschreibung (Propyläen Weltgeschichte in 10
Bänden), wird dessen Geschichte stark vereinfacht und damit grob verfälscht.
Das dtv-Lexikon in 20 Bänden erwähnt auf seinen 40 Zeilen unter dem
Stichwort "Spanischer Bürgerkrieg" immerhin die Beteiligung einer "syndikalistischen"
(d.i. die anarcho-syndikalistische CNT) Gewerkschaftsorganisation, die
bei der Verteidigung der Republik mitwirkte, wohingegen Meyers Grosses Taschenlexikon
in 24 Bänden es fertigbringt, die Anarchisten und den Widerstand der Arbeiter
auf knapp 100 Zeilen mit keinem einzigen Wort zu erwähnen, obwohl als Literaturhinweis
mit Augustin Souchys "Nacht über Spanien" das Hauptwerk der anarchistischen
Geschichtsschreibung über den spanischen Bürgerkrieg an erster Stelle
genannt ist. Grundtendenz der vorherrschenden Geschichtsschreibung ist die Reduzierung
des Spanischen Bürgerkriegs zu einem Vorspiel des zweiten Weltkrieges,
das durch die Beteiligung der UdSSR auf republikanischer Seite und des faschistischen
Italiens und nationalsozialistischen Deutschlands auf Seiten der aufständischen
Franco-Truppen zum "ersten großen Schlachtfeld der neuen politischen und
weltanschaulichen Fronten in Europa wurde"(2).
Daß auf die Beteiligung der Anarchisten am Spanischen
Bürgerkrieg nicht eingegangen wird, ist deshalb so merkwürdig,
weil der Militärputsch unter General Franco innerhalb weniger Wochen
erfolgreich gewesen wäre, hätten nicht die Arbeiter, deren größte
Organisation die anarcho-syndikalistische Gewerkschaft CNT (Confederación
Nacional del Trabajo) war, erbitterten Widerstand geleistet und damit den
Militäraufstand erst zu einem Bürgerkrieg gemacht. Wobei die
anarchistischen Arbeiter es nicht beim Bürgerkrieg beließen,
sondern in der kurzen Zeit, die ihnen bis zu ihrer gewaltsamen Niederschlagung
verblieb, eine der umfassendsten sozialen Umwälzung in der uns bekannten
Geschichte begannen. Diese Geschichte der Spanischen Revolution versuche
ich im folgenden Text zu erzählen. Mein Hauptaugenmerk liegt vor allem
auf den Kollektivierungen in Landwirtschaft und Industrie, sowie auf der
Betonung des anarchistischen Charakters der Revolution. In meinem Fazit
vertrete ich die Auffassung, daß die vergangenen Tage der Spanischen
Revolution uns auch heute noch etwas sagen können, daß wir aus
ihnen lernen und Folgerungen für unsere Gegenwart ziehen können.
Vorgeschichte
Um die Geschichte des spanischen Bürgerkrieges zu verstehen
ist es unerläßlich, zumindest kurz auf die tragenden Säulen
der spanischen Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert einzugehen. In dieser
Zeit wurde Spanien beherrscht von einer Oligarchie aus reichen Adligen
und Großgrundbesitzern, einer mächtigen Kirche, die ganz im
Dienste der Monarchie stand, sowie einer Armee, die - wie ich unten zeigen
werde - ihresgleichen suchte.
Oligarchie
Anfang des 20. Jahrhunderts war Spanien ein gering industrialisiertes
Land, vorwiegend bäuerlich besiedelt und von einer ungeheuerlichen sozialen
Ungleichheit geprägt. Von 11 Millionen Erwerbstätigen mußten 1931
ca. 8 Millionen zu den "Armen" gerechnet werden, demgegenüber stand eine
Schicht von Wohlhabenden, die sich zumeist aus parasitären Elementen (Geistliche,
Militärs, Großgrundbesitzer, reiche Großbürger, aufgeblähter
Bürokratieapparat, etc.) zusammensetzte (3). Einer
kleinen Schicht von Großgrundbesitzern gehörte fast das gesamte Land,
so entfielen z.B. "in der Provinz Sevilla(...) 72 Prozent des Grund und Bodens
auf 5 Prozent der Grundeigentümer"(4).Auf der anderen
Seite gab es im Süden Spaniens eine große Anzahl vollkommen besitzloser
Landarbeiter, die zu Hungerlöhnen auf den Besitztümern der Reichen arbeiten
mußten, während in Nord- und Mittelspanien die Ländereien der
Bauern mit Grundbesitz so klein waren, daß sich kaum die eigene Ernährung
bewerkstelligen ließ. Diese Situation, in der "erbärmlicher Lohn, Arbeitslosigkeit
das halbe Jahr lang und ein Vegetieren am Rande des Hungertodes"(5)
den Alltag eines Großteils des spanischen Volkes darstellte, rief ein explosives
soziales Klima hervor; die Sklaven, die Rechtlosen und Unterdrückten waren
jederzeit bereit für ihren gerechten Lohn für ihr eigenes Land zu kämpfen.
Schon 1855 brachen die ersten Bauernaufstände aus, die sich mit steigender
Frequenz wiederholten.
Kirche (6)
Die geistliche sowie weltliche Macht der spanischen Kirche
war beträchtlich und schien geradewegs aus dem Mittelalter zu stammen,
ihr Reichtum war kaum zu schätzen, aber sie stellte wohl den annähernd
größten Grundbesitzer in Spanien dar. Sie kontrollierte die
Schulen und im Verbund mit der Oligarchen-Schicht aus Adel und Großgrundbesitzern
war sie Mitherrscher in Spanien. Zutreffend bemerkt Augustin Souchy hierzu,
daß die Macht der katholischen Kirche sowohl die Erziehung als auch
die normale Entfaltung des Geisteslebens behinderte (7). Um 1931 war ihre
geistliche Macht allerdings schon erheblich korrodiert, so fanden im Mai
1931 erste katholikenfeindliche Unruhen statt, Klöster und Kirchen
wurden reihum in Brand gesteckt. Die Massen wußten, wer ihre Unterdrücker
waren. Alleine in den Landstrichen, in denen die soziale Ungleichheit weniger
deutlich zu sehen war, verblieb der Kirche noch eine gewisse Gefolgschaft.
Spaniens Armee war einzigartig in jeder Hinsicht: In hundert
Jahren, in denen die Kämpfe um die Verteidigung der letzten Reste
des spanischen Kolonialreiches tobten, beständig geschlagen, schafften
es Spaniens Offiziere genauso beständig (nämlich nach jeder Niederlage)
die Macht im Inneren an sich zu reißen. Ein Putsch jagte den nächsten.
Eine weitere bemerkenswerte Tatsache ist, daß in
der Armee an Offizieren, im Gegensatz zum Material, kein Mangel bestand.
Auf sechs Mann kam ein Offizier, auf etwas über 100 Mann ein General.
An Kriegsmaterial war die spanische Armee erstaunlicherweise nur mit einem
gut ausgerüstet: Maschinengewehren. Ohne brauchbare Artillerie, ohne
brauchbare Luftwaffe brauchte diese Armee eigentlich gar nicht ins Feld
zu ziehen, mit der großen Anzahl an Maschinengewehren aber ließ
sich eine meuternde Menge von Arbeitern oder Bauern problemlos niedermetzeln.
Der bäuerliche Anarchismus
Wie schon angedeutet, war Spanien ein Land von zum Himmel schreiender
sozialer Ungerechtigkeit, von unzähligen Revolten und deren brutaler Unterdrückung
durch die spanische Oligarchie. Bemerkenswert an den Aufständen ist das starke
anarchistische Element in den Bewegungen. Die Bauern und Landarbeiter hingen einem
eher instinktiv geprägtem anarchistischem Ideal nach, der bäuerlichen
Dorfgemeinschaft (pueblo), die selbstverwaltet war und auf Kollektivismus und
Gleichheit beruhte. Dieses Ideal hatte in Spanien eine jahrhundertelange, funktionierende
Tradition. In Bruderschaften organisiert, sorgten die Bauern seit dem Mittelalter
mittels eines Genossenschaftswesens in jeder erdenklichen Art und Weise für
ihre Mitglieder; so sorgten sie z.B. für Witwen und Waisen, Alte und Kranke
und bewirtschafteten auch gemeinsam das Land, das ihnen von den Adligen zur eigenen
Nutzung gelassen wurde. Ebenso waren die Bruderschaften Kampfgemeinschaften gegen
die parasitären adligen Grundbesitzer. Erst mit der Abschaffung der feudalen
Eigentumsverhältnisse mitte des 19. Jahrhunderts gerieten die Dorfgemeinschaften
in Gefahr. Land, das vormals vom gesamten Dorf bewirtschaftet wurde, wurde von
(mit den nötigen Geldmitteln ausgestatteten) Privatleuten gekauft. Es entstand
im Zuge der Privatisierung von ehemaligem Kollektivbesitz ein ländlicher
Besitzindividualismus, dessen Nachwirkungen auch die Genossenschaften und der
Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft bedrohten. So stellen sich die anarchistischen
Aufstände, die in der Folgezeit auftraten, als ein Versuch der Rekonstruktion
ehemals funktionierender und als erstrebenswert erachteter Strukturen dar. Der
Anarchismus/Kollektivismus wurde schon lange Zeit gelebt (9)
und erst mit der Einführung kapitalistischer Besitzverhältnisse zerstört.(10).
Der Anarcho-Syndikalismus der spanischen Arbeiterbewegung(11)
In den Jahren 1868-1872 wurde in der Ersten Internationalen
ein erbitterter Richtungsstreit zwischen Karl Marx und Michael Bakunin
ausgefochten. Verkürzt gesagt wollten Bakunin und seine Anhänger
eine proletarische Revolution, in deren Verlauf der Staat und die politische
Macht zerschlagen werden sollten. Im Gegensatz dazu wollten Marx und die
sozialdemokratischen Parteien mit dem Proletariat die politische Macht
im Staat erobern. Bakunin trat entschieden gegen eine politische Beteiligung
an den Institutionen des bürgerlichen Staatsapparates ein, da seiner
Meinung nach die Macht des Staates deren Träger korrumpiert und die
Konzentration auf Wahlen, Parlament usw. den revolutionären Elan des
Volkes ersticken würde. Bakunins Ziel war die "Abschaffung des Staates",
sowie ein freies föderalistisches System autonomer Körperschaften
(Verbände, Gruppen, Kommunen, Syndikate, d.h. Gewerkschaften), die
miteinander freiwillige Verträge abschließen. Mit den Mitteln
der "direkten Aktion"(im Gegensatz zur parlamentarischen), d.h. Streiks,
Revolten und Sabotageakten sollte die Wut der unterdrückten Volksmassen
auf ihre Herrscher freigelegt werden und ein allgemeiner Aufstand ausgelöst
werden.
Der "freiheitliche" oder "libertäre Kommunismus", der die Ideen
Bakunins aufgriff war in den 60er und 70er Jahren des 19.Jahrhunderts vor allem
in der Schweiz, Italien, Frankreich und Spanien weit verbreitet (12).
Im libertären Kommunismus sollte ebenso wie im autoritären Staatssozialismus
das Privateigentum an Produktionsmitteln abgeschafft, jedoch "nicht in Staats-,
sondern in Kollektiv- und Gemeineigentum umgewandelt werden" (13).
Der größte Teil der spanischen Arbeiterbewegung
entschied sich in diesem Richtungsstreit ebenfalls für Bakunin, was
insofern kein Wunder war, da die Industriearbeiterschaft im immer noch
agrarisch geprägten Spanien nach wie vor vielfältige Bande und
auch eine emotionale Beziehung zur bäuerlichen Bevölkerung besaß.
Ihnen waren die Ideen des Anarchismus nur zu vertraut.
"Die städtischen Arbeiter lebten noch in einer Atmosphäre,
in der Wut, Zorn und Rache der Volksmassen - wie Jahrhunderte zuvor - die explosive
Form des Bauernaufstandes, der vergänglichen gewalttätigen Revolte ...
annahmen." (14)
Gründung der CNT/FAI
Im Jahre 1910 schlossen sich
die katalanischen Organisationen der "Libertären" in der CNT zusammen. Diese
anarcho-syndikalistische Gewerkschaft wurde in den folgenden Jahren zur mächtigsten;
vor allem in Katalonien, dem eigentlichen Wirtschaftszentrum Spaniens war sie
die bestimmende Arbeiterorganisation. In z.T. monatelangen Streiks, die mit drakonischen
Unterdrückungsmaßnahmen beantwortet wurden, kämpften die Arbeiter
der CNT für den libertären Kommunismus, für die Selbstbestimmung
der Arbeitenden und gegen die Konzernherren. Die direkte Aktion war ihr Kampfmittel.
Niemals erhofften sie sich von Wahlen irgendeine Besserung, der Kampf wurde in
den Betrieben geführt - konsequenterweise rief die CNT auch bei allen Wahlen
zum Boykott auf. Im Jahre 1927, noch unter der Diktatur Primo de Riveras, wurde
die "Federación Anarquista Ibérica (FAI)" gegründet. Diese
Geheimorganisation entwickelte sich in kurzer Zeit sowohl zum bewaffneten Arm,
als auch zur programmatischen Kraft der CNT. Die FAI war Aktionsverband und "Geisteszustand"
(Broué/Témime), die Methoden waren dem italienischem Anarchisten
Errico Malatesta entlehnt, der forderte: "Eine Stadt oder ein Dorf in die Hand
bekommen, die lokalen Vertreter der Staatsgewalt unschädlich machen und die
Bevölkerung auffordern, sich selbst frei zu organisieren." (15)
So beteiligte sich oder initiierte die FAI beständig Aufstände
in den verschiedensten Dörfern und Regionen, in denen dann für Tage
oder Wochen der libertäre Kommunismus ausgerufen wurde. All diese Aufstände
wurden von der Staatsgewalt blutig niedergeschlagen (16).
Einer der folgenreichsten dieser Aufstände fand im Oktober 1934 in Asturien
statt. Nach zwei Wochen wurde die Bewegung von dem erstmals in Erscheinung tretenden
General Franco niedergemetzelt. Die Bilanz der Kämpfe: 13.000 Tote und 30.000
Gefangene. Folgenreich war dieser Aufstand, weil die 1936 zur Wahl angetretene
Volksfront in ihrem Programm die Befreiung der politischen Gefangenen ausdrücklich
zum Bestandteil hatte. Diese Forderung und die Hoffnung auf die Befreiung der
Genossen in den Gefängnissen bewog die CNT/FAI zum erstenmal in ihrer Geschichte
nicht zum Wahlboykott aufzurufen. Dies war dann auch der ausschlaggebende Faktor
für den Sieg der Volksfront im Februar 1936.
Sieg der Volksfront Februar 1936
Unmittelbar nach dem Wahlsieg der Volksfront spielten sich in Spanien
mehrere Ereignisse ab: Zum einen dachten sowohl die Arbeiter in den Städten,
als auch die Bauern auf dem Lande, die Zeit der schon lange fälligen Revolution
wäre gekommen. Der Sieg der Linksregierung diente als Legitimation für
Massenstreiks, spontane Enteignungen und Kollektivierungen (17).
Die spanische Oligarchie wollte das natürlich nicht tatenlos mitansehen,
die Zivilgarde schlug alle Aufstände blutig nieder.
Außerdem durchzog seit dem Februar 1936 eine Terrorwelle der
Falangisten (eine Bewegung vergleichbar mit den italienischen Faschisten (18))
das Land. Diese Terroraktionen waren, genau wie diejenigen der SA und der italienischen
Schwarzhemden darauf gerichtet, die Arbeiterbewegung zu zerschlagen und jede revolutionäre
Bewegung im Volk zu unterdrücken (19).
Aufstand der Generäle
Am 17. Juli 1936 brach der seit langem vorbereitete Aufstand
aus.
Der Putsch wurde von den in Spanisch-Marokko stationierten Truppen
unter der Führung von General Franco begonnen. Von Spanisch-Marokko breitete
der Aufstand sich innerhalb weniger Tage auf das spanische Festland aus, jedoch
"wurde der Ausgang der ersten Kämpfe weniger durch das Vorgehen der Rebellen
als durch die politische, organisatorische und militärische Abwehrbereitschaft
der Arbeiter, ihrer Parteien und Gewerkschaften bestimmt. Die Militärs siegten,
wenn sich die Arbeiterorganisationen durch die Sorge um die Erhaltung der Legalität
lahmlegen ließen" (20). Dort jedoch, wo sich die
Massen den Truppen entgegenstellten (21), mit oftmals
nicht mehr als ihren Fäusten zur Verfügung, dort, wo die Arbeiterschaft
entschlossen für ihre Rechte eintrat konnten die Generäle keinen Fußbreit
erobern. Die Bastionen des Widerstandes lagen vor allem in Madrid und in Katalonien,
dort vor allem in der Hauptstadt Barcelona. Den Truppen stellten sich Menschenmassen
entgegen, die unbewaffnet gegen Maschinengewehrfeuer anrannten .... und diese
Maschinengewehre letztendlich um den Preis von Hunderten von Toten eroberten (22).
Das Ziel der Generäle wurde nicht erreicht, mit einem so starken Widerstand
hatten sie nicht gerechnet.
Bereits am 21. Juli zeichneten sich klare Frontlinien
ab, ein schneller Durchmarsch wie von den Generälen um Franco geplant
war nicht mehr in Sicht (vgl. die Karte, die die Lage im Juli 1936 darstellt.
Aus: Thomas, H. Der spanische Bürgerkrieg, Frankfurt/M. 1961, S. 137)
Beginn der Revolution
In den Gebieten, in denen sie triumphierten, ließen die Arbeiter
sich die historische Chance zur proletarischen Revolution nicht entgehen, sie
hatten ihr Leben verteidigt, sie hatten ihr Schicksal in die eigenen Hände
genommen. Eine der ersten Taten der anarchistischen Arbeiter war die Ausräucherung
der Kirchen und Klöster. Diese wurden in Gemeinschaftsräume (als Krankenhäuser
etc.) umfunktioniert. Die Menschen wußten schon lange vorher, daß
die Kirche und die Priester ihre Feinde waren, nachdem diese sich aber zu Beginn
des Aufstandes unmißverständlich an die Seite der herrschenden Klasse
gestellt hatten und als, in den Kirchen verschanzte Aufständische, Priester
und Mönche das Feuer auf die Arbeiter (23) eröffneten,
riß der Geduldsfaden der Massen.
Ebenfalls sofort im Anschluß an die Niederschlagung des Aufstandes
begannen die Arbeiter damit, alle Wirtschaftszweige zu kollektivieren. Jetzt endlich
sollten die Forderungen nach "Land und Freiheit" Wirklichkeit werden: Vehrkehrsbetriebe,
Telefongesellschaften, Dienstleistungsbetriebe, Kinos, die Landwirtschaft usw.
wurden unter die Kontrolle der Arbeitenden gestellt. Die Fabrik- und Großgrundbesitzer,
die ehemaligen Herren wurden verjagt, sofern sie Widerstand leisteten bekämpft,
oder soweit sie kooperationswillig waren in den Fabriken weiterbeschäftigt-
zu ganz normalen Löhnen (24).
Kollektivierungen
Über die Kollektivierungen in Barcelona berichtet Augustin
Souchy folgendes (25): alle Wirtschaftszweige wurden
kollektiviert, die Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln wurde von der Gewerkschaft
der Nahrungsmittelindustrie übernommen- "vierzehn Tage lebte man in Barcelona
ohne Geld. Die Bevölkerung wurde in öffentlichen Speisehallen von den
Gewerkschaften gratis ausgespeist". Die Wirtschaft wurde nach sozialistischen
Gesichtspunkten sozialisiert, Kleingewerbetreibende schlossen sich in einem gewerkschaftlichen
Produktionsverband zusammen, der ihre Löhne zahlte, "Unrentable Unternehmungen
wurden niedergelegt oder mit anderen zusammengeschlossen." Die allgemeinen Löhne
wurden erhöht, die hohen unproduktiven Gehälter der Direktoren etc.
wurden abgeschafft. Bettler waren aus dem Straßenbild verschwunden, ihre
Betreuung wurde von den Wohlfahrtsausschüssen der Gewerkschaft übernommen.
Die Verkehrsbetriebe wurden in Arbeiterselbstverwaltung betrieben, die Abschaffung
der Direktoren und deren Gehälter hatte zur Folge, daß die Löhne
der Arbeiter erhöht, die Fahrpreise und die Arbeitszeit gesenkt werden konnten.
Insgesamt funktionierte das Verkehrswesen nach der Kollektivierung, auch aufgrund
einer Reduzierung des Verwaltungsaufwandes, erheblich besser als vor der Revolution.
Ebenso war es mit dem Telefonwesen, nachdem die kriegsbedingten Schäden beseitigt
und zahlreiche neue Leitungen verlegt waren.
Die meisten Kollektivierungen fanden unter Federführung
der CNT statt, aber auch die sozialistische Gewerkschaftsunion UGT beteiligte
sich daran.
Auf dem Land, vor allem in Aragón, Katalonien,
in der Levante und Kastilien wurde ebenfalls kollektiviert: die Grundbesitzer
wurden verjagt und das Land wurde gemeinschaftlich bewirtschaftet. Die
bäuerlichen Gewerkschaftsorganisationen der CNT und UGT hatten sich
auf eine genossenschaftliche Bewirtung des Landes verständigt - allerdings
bestanden sie auf die Freiwilligkeit der Beteiligten (eine Tatsache die
Souchy ständig bemüht ist zu betonen). Um die Frage der Freiwilligkeit
der Kollektivzugehörigkeit gab (und gibt) es erbitterten Streit, vor
allem die Kommunisten betonten in ihrer Propaganda den Zwangscharakter,
während von anarchistischer und sozialistischer Seite stets auf die
Freiwilligkeit des Beitritts verwiesen wurde.
Fest steht zum einen, daß ohne die gewaltsame Vertreibung
und Hinrichtung der Großgrundbesitzer (die vor allem der Anarchist Buenaventura
Durruti (26) und seine Kolonne durchführten) die
Revolution überhaupt nicht stattfinden konnte, deswegen von Zwang für
die Bauern zu sprechen ist aber wohl kaum statthaft. Zum anderen steht aber auch
fest, daß der Widerstand gegen die Kollektive von seiten der Bauern im Laufe
des Krieges wuchs, dies ist aber im wesentlichen auf die kriegsbedingt schwieriger
werdende Versorgungslage zurückzuführen (27).
In der Anfangszeit der Revolution konnten die Kollektivbetriebe
jedoch durch das bloße Beispiel überzeugen - in den Kollektiven wurde
ein höheres Lebensniveau erreicht, die Lebensmittel- und Gesundheitsversorgung
der einzelnen Mitglieder wurden verbessert, vorhandene Maschinen wurden effizienter
eingesetzt (28), die Produktivität konnte erheblich
gesteigert werden (!). (29)
Einen Stimmungsbericht aus den Kollektiven in Aragon gibt
der Augenzeuge Augustin Souchy:
"Von den 4000 Einwohnern des Ortes Alcoriza, traten 3700
freiwillig der anarchosyndikalistischen Kollektive bei. (...) Die neue
Gemeinde wurde auf freiheitlich kommunistischer Basis aufgebaut. Wein und
Gemüse wurden gratis verteilt. Jeder erhielt davon, wieviel er wollte.
Da Fleisch knapp war, gab es 150 Gramm täglich pro Person. Als man
den Kommunismus einführte, verteilte man an jeden Kollektivisten ein
Schwein und zwei Hühner. Damit hatten sie etwas für den eigenen
Haushalt. Die Kaninchenzucht war frei.
Das Geld war abgeschafft worden. Der Handel mit der 'Außenwelt'
lag in den Händen des kollektivistischen Wirtschaftsrates. Der Rat
hatte eine Wurstfabrik errichtet, in der täglich 500 Kilogramm Wurstwaren
hergestellt wurden. Die Würste gingen an die Front für die Millizionäre.
Auch eine kleine Schuhfabrik und eine kollektivistische Schneiderei wurde
eröffnet. Täglich wurden 50 Paar Lederschuhe und 100 Paar Zeugschuhe
hergestellt. Auch davon ging ein großer Teil an die Front für
die antifaschistischen Kämpfer. Bekleidungsstücke waren für
alle vorhanden. Der kollektivistische Wirtschaftsrat hatte aus dem Erlös
der verkauften Wurstwaren von den kollektivistischen Textilfabriken in
Katalonien Stoffe gekauft. Die Kollektivschneiderei verfertigte gratis
für die Männer Anzüge und für die Frauen Kleider. Niemand
erhielt Lohn, doch niemand brauchte etwas kaufen. Alles was die Kollektivisten
benötigten, erhielten sie von der Kollektive gratis.
'Sagt mal, Genossen! Wenn da jeder einfach hingeht und
sich holt, was er braucht, ohne etwas dafür bezahlen zu müssen,
kommt es da nicht zu Übertreibungen? Gibt es nicht welche, die diese
Situation ausnützen?'
'Hier kennt einer den anderen. Wir wissen sehr gut, wer etwas
nötig hat und wer nichts braucht. Bis jetzt haben wir noch keinen Fall
von habsüchtigem Egoismus gehabt. Wer darauf ausginge, die Kollektive zu
betrügen, wäre in der Gemeinschaft unmöglich. Man würde
mit dem Finger auf ihn zeigen. Für jeden erscheint es eine Ehrensache,
in uneigennütziger Weise am gemeinsamen Werke mitzuarbeiten. Jeder bekommt
was er braucht, solange etwas da ist. Vertrauen wird gegen Vertrauen gesetzt.
Außerdem wird niemand gezwungen der Kollektive beizutreten. Unser Kommunismus
beruht auf dem Prinzip der Freiheit. Wir zwingen keinem das neue System auf.
Jeder kann unsere Handlungen in aller Öffentlichkeit kritisieren." (30)
Und weiter aus Calanda, ebenfalls in Aragon:
"Von den 4500 Einwohnern des Ortes gehörten 3500 der
anarchosyndikalistischen Organisation an. Sie haben 'gleich nach der Bewegung'
- wie sie sich ausdrücken und womit sie den 19. Juli und die darauffolgenden
Tage meinen - 'die alte Gesellschaftsordnung beseitigt und durch den Kollektivismus
ersetzt'. Das Geld wurde natürlich auch abgeschafft und alles nach
sozialistischen Grundsätzen geordnet. Vor der 'Bewegung' gab es nur
Anarchisten im Orte. Nachher aber begünstigten die Anarchisten selbst
die Bildung von republikanischen und sozialistischen Gruppen. Jeder soll
zu seiner Freiheit und zu seinem Recht kommen ...
Zwischen den Kollektivisten und den Individualisten (die
sich der Kollektive nicht angeschlossen haben, A.K.) herrscht gutes Einvernehmen.
Der Ort hat zwei Kaffeehäuser. Eines davon gehört den Kollektivisten.
Dort nehmen die Mitglieder der Kollektive ihren Kaffee unentgeltlich ein.
Im anderen Kaffeehaus müssen die Individualisten ihren Kaffee bezahlen.
Die Hauptproduktion des Ortes ist Olivenöl. Im vergangenen
Jahre hatte man eine Ausbeute von 1750 Tonnen Olivenöl. Man baut auch
Kartoffeln, Weizen und Wein an und züchtet Obst. Die syndikalistische
Verwaltung ist sparsam. Die Überschüsse aus der Kollektive werden
an die Gemeinde abgeführt. ...
Die Lebenshaltung der Bevölkerung hat sich nach
der Kollektivierung gehoben. Die Landarbeiter hatten vorher nicht einmal
die Mittel, um sich einmal wöchentlich rasieren zu lassen. Die Kollektive
hat eine Rasierstube mit Haarschneidesalon eröffnet. Da kann jeder
Kollektivist sich zweimal wöchentlich gratis rasieren lassen ... Täglich
werden vierzig Personen mit Kleidungsstücken verschiedener Art versehen.
Jeder erhält, was er braucht. Arzt und Medizin sind gratis. Auch Briefporto
wird von der Kollektive bezahlt.
Der Stolz der Kollektive ist die neue Ferrer-Schule im
ehemaligen Klostergebäude des Ortes. Vorher gab es nur acht Lehrer
am Orte. Nur die Kinder der Wohlhabenden konnten zur Schule. Nach dem 19.
Juli wurde das anders ... Von der Lehrergewerkschaft aus Barcelona wurden
zehn Lehrer angefordert. Schulmaterial wurde angeschafft, Bänke und
Stühle von den Kollektivisten selbst freiwillig und kostenlos hergestellt.
Nun können alle 1233 Kinder des Ortes die Schule besuchen ...
Der syndikalistische Gemeinderat beschloß, daß
nunmehr keine Mieten mehr [zu zahlen sind] ... Die Häuser werden von
der Gemeinde verwaltet und Reparaturen auf Kosten der Gemeine, d.h. der
Kollektive, vorgenommen. Wasser und elektrisches Licht sind für die
gesamte Bevölkerung gratis, auch für die 'Individualisten' ...
Die Feldarbeiten werden gemeinschaftlich organisiert. In Zehnergruppen
ziehen die Kollektivisten jeden Morgen gemeinsam zur Arbeit aus. Alle betrachten
sich als Mitglieder einer großen Familie..." (31)
Schwierigkeiten - Zerschlagung
Den Kollektiven blieb trotz ihrer unbestreitbaren Erfolge nur eine
kurze Zeit in der Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs. Die soziale Revolution,
die untrennbar zum Widerstand der Mehrheit des spanischen Volkes gegen den Faschismus
gehörte wurde mit zunehmender Dauer des Krieges sowohl von innen, als auch
von außen bedroht und letztendlich blutig niedergeschlagen. Ohne die Begeisterung,
mit der die Menschen ihr Leben in die eigene Hand nahmen, ohne die Soziale Revolution
war aber ein Sieg gegen Franco undenkbar. Die Menschen kämpften nicht für
einen republikanischen Staat, "sie wollten das Himmelreich auf Erden" (32).
Innere Faktoren
Schon im September 1936 begannen republikanische und kommunistische
Kräfte der Volksfrontregierung mit der Eindämmung der Sozialen Revolution.
Die von der CNT/FAI verbreitete Losung "Während der Krieg geführt wird,
muß die Soziale Revolution durchgesetzt werden" (33)
fand beiden Republikanern und Kommunisten, die formell die Regierung des republikanischen
Spaniens stellten, wenig Anklang, da für sie allein die bürgerlich-republikanische
Staatsform zu verteidigen war. Zu Beginn der Spanischen Revolution war diese Regierung
aber so schwach gewesen, daß sie keinerlei Entscheidungsbefugnisse hatte.
Die Macht lag zumindest in Katalonien, dem entscheidenden Wirtschaftszentrum Spaniens,
in den Händen der bewaffneten Arbeiter, d.h. der Gewerkschaftsmilizen (neben
der CNT/FAI, die UGT und die kleinere POUM (Arbeiterpartei der marxistischen Vereinigung))
und auf dem Land, in kleineren Städten und in den Dörfern bei den Komitees
und Räten (34). Nach und nach, mit der Gründung
des "Zentralkomitees der Milizen", das eine Art Zentralregierung bilden sollte,
wurde den Arbeitern und Bauern aber die Macht aus den Händen gerissen. Verkürzt
könnte man sagen, daß die Gewerkschaftsfunktionäre der CNT/FAI
sich mit der Beteiligung am "Zentralkomittee" der faktischen Macht in Katalonien,
die durch die (anarcho-syndikalistischen) Räte ausgeübt wurde, berauben
ließen. Durch einen eigenartigen Verteilungsschlüssel waren im "Zentralkomitee
der Milizen" alle politischen Gruppierungen zahlenmäßig gleich vertreten,
was bedeutete, daß die mächtige CNT/FAI genauso viel Anteil an der
Macht besaß, wie die "blutarme" (Broué/Témime) katalanische
UGT (35). Die Erklärung für das Verhalten der
CNT/FAI ist komplex, zum einen lehnte die CNT/FAI aus Überzeugung jegliche
Form von Diktatur ab (als Schreckgespenst schwebte ihnen der stalinistische Terrorsozialismus
vor Augen), zum anderen erhoffte sie sich, Vorteile in anderen Landesteilen aus
ihrem Verzicht auf die Macht in Katalonien. Dieses Verhalten war aber nicht zwingend,
da das entscheidende Wirtschaftszentrum in Händen der Arbeiter war und gegen
die CNT/FAI keine Entscheidung zu treffen war.
Der anarchistische Sündenfall - die Beteiligung an einer Regierung
von oben - mußte teuer bezahlt werden: Mangels fehlender praktischer Erfahrung
und eines theoretischen Konzeptes für eine Revolution von oben seitens der
CNT/FAI, konsolidierten sich die anderen Parteien und nahmen ihr nach und nach
die Entscheidungsgewalt aus der Hand. Die Regierungsbeteiligung der CNT/FAI war
quasi der "Dolchstoß" in der Spanischen Revolution. Nach und nach schwenkten
die Funktionäre und anarchistischen Minister sogar auf die Formel "Erst den
Krieg gewinnen, dann die Revolution" um (36). Die Macht,
die vormals die Räte besaßen, wurde auf das Generalkomitee der Milizen
verlagert, jede Initiative von unten wurde erstickt, die Arbeiter wurden von ihren
eigenen Funktionären verraten.
Äußere Faktoren
Ein weiterer wichtiger Faktor war die militärische (Nicht-)Intervention
ausländischer Mächte im spanischen Bürgerkrieg. Schon 6 Tage nach
Ausbruch des Putsches wurde General Franco zuerst von Hitler und anschließend
von Mussolini massive Militärhilfe zugesagt. Am 26. Juli landeten die ersten
italienischen und deutschen Flugzeuge und boten den Aufständischen logistische
Hilfe. Die übrigen Staaten hielten sich vornehm zurück und beschlossen,
vor allem auf englischen Druck, eine Nichteinmischungsvereinbarung der europäischen
Mächte gegenüber Spanien. Das nationalsozialistische Deutschland und
das faschistische Italien hielten sich nicht an diese Vereinbarungen, so daß
Franco einseitig begünstigt wurde. Einzig Mexiko (in geringem Umfang) und
die Sowjetunion unterstützten das republikanische Spanien mit Waffen. Die
hieraus resultierende einseitige Abhängigkeit von der Sowjetunion hatte fatale
Folgen für die spanische Republik. Mit Beginn der Waffenlieferungen und der
Entsendung von Militärberatern (37) (das sind Agenten
des sowjetischen Geheimdienstes NKWD) wuchs die einstmals unbedeutende PCE (Kommunistische
Partei Spaniens) als Marionettenpartei Stalins zur beherrschenden Macht im republikanischen
Spanien heran. Die PCE führte getreu die Weisungen des großen Stalin
aus. Dessen Außenpolitik kannte, gemäß der Doktrin "Sozialismus
in einem Land", nur ein Ziel: die Wahrung der sowjetischen Sicherheitsbedürfnisse.
Die Stalin'sche Außenpolitik gegenüber Spaniens ist in drei Phasen
einzuteilen (38), wobei hier nur die mittlere- die Interventionsphase
- von Interesse ist. Stalin hatte im Oktober 1936 erkannt, daß das republikanische
Spanien ohne weitere Hilfe recht rasch erobert werden würde und, daß
Hitler sich danach anderen Aufgaben im Osten zuwenden würde. Folglich begannen
die Waffenlieferungen aus der SU. Geliefert wurde nicht das beste Material (39)
und selbstverständlich wurde auf Barzahlung bestanden. Der größte
Teil des Goldvorrates der Bank von Spanien wurde 10 Tage nach der ersten Lieferung
nach Odessa verschifft (40). Die Intervention der SU
war eine begrenzte. Ziel war es, den drohenden Weltkrieg so lange wie möglich
zu verhindern und vor allem Frankreich und England für den Kampf gegen den
Faschismus zu gewinnen. Dieses Ziel konnte Stalin nicht erreichen. Als dies klar
war, wurde Spanien seinem Schicksal überlassen.
In dem Zeitraum der Intervention (Oktober 1936 - März 1938)
spielte sich aber eine der Tragödien dieses Jahrhunderts ab. Unter ständigem
Verweis auf die Waffenlieferungen aus der SU und die im Raum schwebende Drohung,
diese könnten gestoppt werden, waren die spanischen Kommunisten zu immer
mehr Macht gekommen. Auf die PCE gestützt errichteten die sowjetischen "Militärberater"
unter dem Namen SIM (Servicio de Investigacion Militar) einen Terrorapparat nach
Vorbild der Tscheka (GPU, NKWD). Ziel Stalins war wie in der Sowjetunion die Ausrottung
der linken Opposition, d.h. die Vernichtung vermeintlicher oder tatsächlicher
Gegner Stalins (41) Hierunter zu leiden hatte zuallererst
die als trotzkistisch bezeichnete POUM und natürlich die Anarchisten der
CNT/FAI.
Schlüsselereignis der "Vernichtung der freiheitlichen Linken"
(J. Gorkin) waren die Mai-Ereignisse 1937 in Barcelona (42).
Die "tragische Woche im Mai" 1937
Vom 2. bis zum 7. Mai eskalierten die Auseinandersetzungen
zwischen Kommunisten auf der einen Seite und der CNT/FAI und der POUM auf
der anderen Seite in Straßenkämpfen in Barcelona. Auslöser
war die versuchte Besetzung der seit den Juli-Tagen 1936 unter gemeinsamer
Kontrolle der CNT und UGT stehenden Telefonzentrale seitens kommunistischer
Polizeitruppen. Auf diese Provokation hin fanden in der gesamten Stadt
Streiks statt, die Massen hielten zur CNT und der POUM.
Während die Kommunisten darauf Truppen von der Front abzogen,
um in Barcelona einzugreifen, weigerte sich die CNT-Führung unter Verweis
auf die antifaschistische Einheitsfront ihrerseits Truppen nach Barcelona abzuordnen.
Die CNT-Minister Federica Montseny (43) und Garcia Oliver
setzten auf Verhandlungen mit den Kommunisten anstatt die fortwährenden Provokationen
angemessen zu beantworten - nämlich mit der entschlossenen Bekämpfung
der konterrevolutionären Stalinisten.
Hans-Magnus Enzensberger bilanziert das Ergebnis der Verhandlungen
treffend: "Damit war dem spanischen Anarchismus das Rückgrat gebrochen; die
CNT führte fortan nur noch ein Schattendasein und sah ohnmächtig zu,
wie die Reste der spanischen Revolution liquidiert wurden." (44)
In der Folgezeit wurden FAI und POUM verboten, die Führer
und militanten Mitglieder entweder verhaftet oder ermordet, die Kollektive
von den Truppen des kommunistischen Generals Lister zerstört und jegliche
Hoffnung auf einen zweiten Weg zum Sozialismus als den autoritär-terroristischen
vernichtet.
Nachdem die Euphorie des Volkes, die tragende Kraft der Spanischen
Revolution und der Erfolge im Kampf, gebrochen war, war es nur eine Frage der
Zeit bis Franco siegen würde. Von den nicht-faschistischen europäischen
Staaten im Stich gelassen und jeglicher Euphorie beraubt fiel Stadt für Stadt,
Dorf für Dorf in die Hände der franqoistischen Truppen. Am 26. Januar
1939 fiel Barcelona, und auch das "Rote Madrid" hielt nicht stand und mußte
am 28. März 1939 bedingungslos kapitulieren. Bis zu diesem Zeitpunkt war
zwar noch ein Viertel Spaniens nicht von den Nationalisten besetzt und es wurde
auch weiterhin Widerstand geleistet, jedoch konnte Franco nicht mehr ernsthaft
gefährdet werden. Am 20. Mai 1939 fanden die Siegesparaden der Franco-Truppen
statt. Franco regierte Spanien diktatorisch bis zu seinem Tod 1975. Unmittelbar
nach dem Krieg wurden in ganz Spanien politische Gegner verfolgt, in Konzentrationslagern
gefangen gehalten und ermordet (vorsichtige Schätzungen gehen von 80.000
Todesurteilen und von zwei Millionen inhaftierten Spaniern aus (45)).
Die CNT/FAI erholte sich von diesen Verfolgungen bis
heute nicht, nach dem Ende der Diktatur wurde sie zwar wieder ins Leben
gerufen, ist aber über den Status einer kleinen Minderheit in der
spanischen Arbeiterschaft nicht herausgekommen.
Fazit
Die Spanische Revolution stellt den Versuch dar, ein Gesellschaftsmodell
zu verwirklichen, das auf Gerechtigkeit und Menschlichkeit beruht und diese Ideen
nicht in einem paranoiden Wahnsystem durchsetzen wollte. Spekulationen sind müßig,
alle Fragen "aber was wäre gewesen, wenn die Revolution von Dauer gewesen
wäre, wäre sie dann nicht genauso entartet wie die Russische Revolution
etc." sind nicht zu beantworten. Wir können nur sehen, wie die Menschen ihr
Schicksal in die eigene Hand nahmen, wie sie die Kunst beherrschten sich weder
von der erdrückenden Macht der Anderen noch von ihrer eigenen Ohnmacht dumm
machen zu lassen (46), und welche Formen des gesellschaftlichen
Zusammenlebens sie praktizierten. Sicher waren die Kollektive nicht perfekt, sicher
ist der Anarcho-Syndikalismus kein ausgeklügeltes Patentrezept.
Aber angesichts des globalisierten Kapitalismus und seiner
sattsam bekannten Entartungen:
-
Armut in der Dritten Welt
-
wachsende Armut in den reichsten Ländern der Erde
- 358 (in Worten Dreihundertachtundfünzig) Dollar-Milliardäre,
die über mehr Geld verfügen, als die ärmsten 45% der Weltbevölkerung
- rund 3 Milliarden Menschen (47)
-
menschenunwürdige Arbeitsbedingungen überall
-
steigende Gewinne der Unternehmen bei gleichzeitig steigender
Arbeitslosigkeit (jobless growth)
-
Privatisierung der Gewinne - Vergesellschaftlichung der Kosten
- Das Steigen einer großen Anzahl von Menschen, die unser
Wirtschaftssystem nicht mehr braucht (48)
etc.
ist es Zeit über eine vernünftige Organisation
der Weltgesellschaft nachzudenken. Hilfreich hierbei ist der Blick in die
Geschichte, Utopien, historische Situationen aus denen man für die
Zukunft lernen kann. Konzepte, die nicht bruchlos übertragen werden
können, aber Ideen, die es sich lohnt aufzugreifen.
Sollte uns eine vernünftige Organisation unseres Lebens nicht
gelingen, sollte die Logik des Marktes, unser Leben bestimmen, sollte die Verwandlung
von Menschen in Waren, die gehandelt, verwertet und wie Waren weggeworfen werden,
weiterhin System bleiben, droht ein Rückfall in die Barbarei, der seine geschichtlichen
Vorbilder in den Konzentrationslagern der Nazis hat (49).
Wo Menschen einzig Kostenfaktoren sind, werden auch Gedanken über die Abschaffung
der Kosten gehegt. Und diese Logik ist dem Kapitalismus systeminhärent.
Die Menschen, die damals für eine gerechte Gesellschaft kämpften,
haben nicht über ihre Chancen nachgedacht. Sie fanden es an der Zeit, ein
System institutionalisierten Unrechts zu zerschlagen und notfalls auf Trümmern
eine neue Gesellschaft aufzubauen.
ak
links zu anderen seiten zur spanischen revolution
Anarchist
Archives
Emma Goldman
über Spanien 1936
Eddie
Conlon - The Spanish Civil War: Anarchism in Action
Spain and
its Relevance Today - Part 1 by Iain MacSaorsa
Towards a fresh revolution
- Manifesto of the Friends
of Durruti
Stalin's
Foreign Policy in the Spanish Civil War and the Barcelona Uprising of May,
1937
Spanish Anarchism
Soutworth
Spanish Civil War Collection